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Hund abgeben wegen Überforderung: Wege aus der Krise

Überforderung mit dem Hund ist ein Tabuthema – dabei gibt es in Deutschland klare Wege, die kaum jemand offen erklärt. Ehrlich, mit Zahlen und Fehlern: Was du wissen musst, bevor du abgibst.

Hund abgeben wegen Überforderung: Wege aus der Krise

Hund abgeben wegen Überforderung: Was mir niemand vorher gesagt hat

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht habe, meinen Hund abzugeben, war ein Dienstag. Milo hatte zum dritten Mal in zwei Wochen die Wohnungstür angefressen, ich hatte seit vier Monaten keine Nacht länger als fünf Stunden geschlafen, und als meine Chefin anrief, um zu fragen, warum ich schon wieder krank war, habe ich einfach aufgelegt. Nicht dramatisch. Nicht theatralisch. Ich saß auf dem Boden neben einem Haufen Holzsplitter und dachte: Ich schaffe das nicht mehr.

Was ich damals nicht wusste: In Deutschland gibt es klare Wege, wenn man seinen Hund abgeben muss – aber fast niemand redet offen darüber, wie sie wirklich funktionieren. Also mache ich das jetzt. Ehrlich, mit Zahlen, mit Fehlern, die ich gemacht habe, und mit dem, was ich rückblickend anders machen würde.

Wichtige Erkenntnisse

  • Überforderung ist ein legitimer Abgabegrund – aber nicht jede Überforderung ist ein Endzustand. Zuerst prüfen: temporäre Pension, Dog-Sitter, Trainer, Tierarzt (bei Depression oder Krankheit).
  • Konkrete Abgabestellen: örtliches Tierheim, Pflegestellen von Tierschutzvereinen, Rasse-in-Not-Organisationen, seriöse Privatvermittlung. Keine Kleinanzeigen ohne Vorkontrolle.
  • Mit Kosten rechnen: Tierheime verlangen bei Abgabe oft eine Ausgleichszahlung, die je nach Bundesland und Einrichtung zwischen 50 und mehreren hundert Euro liegt.
  • Der richtige Moment ist nicht „wenn es gar nicht mehr geht“, sondern wenn du zwei Wochen lang täglich den Gedanken hast, dass es deinem Hund bei dir schlechter geht als ohne dich.
  • Ein bissiger Hund braucht meist eine andere Abgabestelle als ein ängstlicher – Beißvorfälle müssen gemeldet werden, je nach Bundesland mit Auflagen.
  • Nach der Abgabe: Gib dir Zeit. Schuldgefühle sind normal, aber sie sind kein Beweis dafür, dass du falsch entschieden hast.

Wann Überforderung keine Phase mehr ist

Ich habe sechs Monate gebraucht, um zuzugeben, dass ich überfordert war. Sechs Monate, in denen ich allen erzählt habe, es werde besser. Der Hund brauche nur Zeit. Ich brauche nur Zeit.

Wann Überforderung keine Phase mehr ist
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Der Punkt, an dem ich hätte erkennen müssen, dass es keine Phase mehr ist: Als ich anfing, Milo morgens später rauszulassen, nicht weil ich verschlafen habe, sondern weil ich den Moment mit ihm nicht mehr wollte. Und als ich anfing, mir heimlich Tierheim-Webseiten anzusehen – nicht um zu schauen, wo ich ihn abgeben könnte, sondern um zu schauen, ob andere Leute dasselbe durchmachen. Spoiler: Sie taten es. Hunderte.

Es gibt einen Unterschied zwischen Stress und echter Überforderung. Stress geht vorbei. Überforderung frisst sich fest. Wenn du seit drei Wochen das Gefühl hast, dass dein Alltag nur noch aus Hund und Erschöpfung besteht – das ist kein schlechter Tag mehr.

Fünf ehrliche Fragen, bevor du irgendwo anrufst

  1. Hast du in den letzten vier Wochen mindestens eine Nacht durchgeschlafen – ohne Hund im Bett?
  2. Gibt es einen konkreten Auslöser (Jobwechsel, Trennung, Baby, Krankheit), oder ist es ein Dauerzustand ohne Ende in Sicht?
  3. Eine Woche Fremdbetreuung: Würde das etwas ändern? Wenn ja, ist es vielleicht noch nicht der Moment für die Abgabe.
  4. Wie oft steht bei dir an einem typischen Tag der Gedanke „Ich will ihn loswerden“? Mehrmals täglich? Dann wird es Zeit, jemanden anzurufen.
  5. Hat dein Hund Verhaltensauffälligkeiten, die dich überfordern – oder ist es „nur“ die schiere Verantwortung? Das ist ein wichtiger Unterschied für die nächste Stelle.

Ich habe damals nur Frage 5 beantwortet und drei Monate zu lange gewartet. Das war ein Fehler. Nicht für mich – für Milo. Je länger Verhaltensprobleme bestehen, desto schwerer wird die Vermittlung. Das wusste ich nicht.

„Wo kann man seinen Hund abgeben, wenn man überfordert ist?“

Die kurze Antwort: Beim örtlichen Tierheim, über eine Pflegestelle von Tierschutzvereinen oder über Rasse-in-Not-Organisationen. Die lange Antwort ist wichtiger.

„Wo kann man seinen Hund abgeben, wenn man überfordert ist?“
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Tierheim: der Standardweg, mit Wartezeit

Tierheime sind die erste Adresse. Fast alle nehmen Hunde auf – aber nur mit Termin und oft monatelanger Wartezeit. Ich habe in meiner Region bei sieben Tierheimen angerufen. Vier hatten eine Warteliste von über sechs Wochen. Zwei nahmen nur Tiere aus akuter Beschlagnahmung auf. Eines hatte einen Platz in zwei Wochen, aber ich musste eine Kostenübernahme von 120 Euro unterschreiben. Tierheime sind keine kostenlosen Tierparkplätze – das war mir schlicht nicht klar.

Pflegestellen und Tierschutzvereine

Viele Tierschutzorganisationen arbeiten mit privaten Pflegestellen. Der Vorteil: Der Hund lebt bei einer Familie, nicht im Zwinger. Der Nachteil: Diese Plätze sind rar, und die Organisationen prüfen genau, ob der Hund abgabefähig ist. Bei einem Hund mit Beißvorfall brauchst du eine andere Ansprache als bei einem ängstlichen oder einfach „schwierigen“ Hund.

Rasse-in-Not-Organisationen

Das war für Milo am Ende der richtige Weg. Eine rassespezifische Notvermittlung, die ich über die Züchter-Website fand. Sie kannten die Eigenheiten seiner Rasse, hatten erfahrene Pflegestellen und fragten nicht zuerst, was ich falsch gemacht habe, sondern was sie für den Hund tun können.

Privatvermittlung – kann funktionieren, muss aber nicht

Vor zwei Jahren habe ich einer Bekannten geholfen, ihren Hund über eine Plattform privat zu vermitteln. Sechs Anfragen in zwei Tagen, drei davon fragten als Erstes nach dem Preis. Ich habe damals eine Liste mit Warnsignalen geschrieben, die ich heute jedem mitgebe, der diesen Weg wählt:

  • „Kann ich den Hund die Woche über abholen, am Wochenende bringe ich ihn zurück“ – trennungsängstliche Vermittler.
  • Keine Bereitschaft, die Wohnung zu zeigen oder Referenzen vom Tierarzt zu nennen.
  • Zahlungsbereitschaft „bis zu 500 Euro bar auf die Hand, aber keine Papiere“ – Finger weg.
  • Anfragen, die in drei Sätzen zweimal „sofort“ schreiben.
  • Keine Rückfragen zum Hund selbst. Wer nicht fragt, will nichts wissen.

Vorsicht: Eine rein private Abgabe ohne Vorkontrolle ist für den Tierschutz oft problematisch. Wenn du deinen Hund in „gute Hände“ geben willst, gehört eine Vorkontrolle der neuen Wohnung einfach dazu. Auch, wenn es sich nach Misstrauen anfühlt.

Was, wenn nicht Überforderung, sondern Krankheit der Grund ist?

Sehr viele Menschen, die ihren Hund abgeben, machen das nicht, weil sie ihn nicht mehr wollen, sondern weil sie es körperlich oder psychisch nicht mehr können. Ich habe in den Foren von Dogorama und DogForum Dutzende Berichte gelesen: schwere Depressionen, chronische Krankheiten, frisch diagnostizierter Krebs.

Was, wenn nicht Überforderung, sondern Krankheit der Grund ist?
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Bei einer Depression ist der Weg ein anderer. Nicht jede Überforderung ist eine Abgabe-Situation. Wenn du unter einer akuten depressiven Episode leidest, ist die richtige erste Anlaufstelle nicht das Tierheim, sondern dein Arzt oder Therapeut – und die Frage, ob eine temporäre Unterbringung für vier bis zwölf Wochen möglich ist. Viele Pflegestellen übernehmen Hunde für einen begrenzten Zeitraum. Ich kenne drei Leute, die ihren Hund so behalten haben. Sie hätten ihn sonst weggegeben.

Bei körperlicher Krankheit mit dauerhaftem Ausfall: Hier ist die Abgabe nicht selten die einzige Lösung, die dem Hund gerecht wird. Ein Hund, der täglich zwei Stunden Auslauf braucht, ist bei einem schwerkranken Besitzer nicht versorgt. Das ist keine Schande. Es ist Realismus.

Bissiger Hund: was anders ist

Ein Hund, der gebissen hat, ist kein normaler Vermittlungsfall. Wichtig zu wissen: Beißvorfälle müssen je nach Bundesland gemeldet werden, und es gibt Auflagen für die Unterbringung. Eine anonyme Abgabe über eine normale Plattform ist hier keine Option – nicht rechtlich, nicht moralisch.

Was funktioniert: Fachorganisationen für als gefährlich eingestufte Hunde, manche Tierheime mit entsprechendem Kompetenzbereich, und – als letzte Option – Spezialisten, die den Hund nach Beratung einschläfern lassen, wenn eine artgerechte Unterbringung nicht möglich ist. Letzteres ist ein Satz, den ich nicht gern schreibe. Aber es gibt Fälle, in denen er stimmt, und ihn zu verschweigen wäre unfair.

Abgabestelle Wartezeit Kosten (typisch) Geeignet für
Tierheim vor Ort 2–8 Wochen ca. 50–200 € Ausgleichszahlung Gesunde Hunde ohne Beißvorfall
Tierschutz mit Pflegestelle Variabel, oft Wochen Spende erwartet, kein Zwang Ängstliche Tiere, die Zeit brauchen
Rasse-in-Not Häufig schneller Selten Kosten für Abgeber Rassespezifische Eigenheiten
Privat mit Vorkontrolle Sehr variabel Keine Gut verträgliche Hunde, erfahrene Halter
Spezialvermittlung mit Beißvorfall Monate bis nie Hoch Hunde mit dokumentiertem Vorfall

Die Zahlen stammen aus meinen eigenen Recherchen und Telefonaten in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. In anderen Bundesländern können sie deutlich abweichen. Frag immer konkret nach – schriftlich, wenn möglich.

Was nach der Abgabe passiert – und was niemand sagt

Der Tag nach der Abgabe war der schwerste. Nicht der Tag selbst. Ich saß in meiner Wohnung, und es war zu leise. Milo war weg, und plötzlich war da diese enorme Leere und, noch schlimmer, die Erleichterung. Beides zusammen. Ich habe mich zwei Wochen lang dafür gehasst, dass ich erleichtert war.

Heute weiß ich: Die Erleichterung war kein Zeichen, dass ich ihn nicht geliebt habe. Sie war ein Zeichen, dass ich zu lange über meiner Belastungsgrenze gelebt hatte. Meine Therapeutin hat damals gesagt, ich solle mir drei Monate geben, bevor ich mich verurteile. Das war guter Rat.

Was ich rückblickend anders machen würde: Ich hätte mir eine feste Abgabestelle vor dem Anruf aussuchen sollen. Ich habe vier Wochen zwischen zu vielen Optionen hin- und hergeschwankt, während Milo in dieser Zeit schlechter zurechtkam. Wer eine Stelle im Voraus wählt, spart sich und dem Hund wochenlange Unklarheit.

Und noch etwas: Ich habe damals unterschätzt, wie anstrengend die Formalitäten sind. Mikrochip umschreiben, Impfpass übergeben, einen Übergabevertrag unterschreiben, in dem die neue Stelle Haftung und Versorgung übernimmt. Nicht kompliziert, aber es fühlt sich jedes Mal wie ein endgültiger Abschied an. Mach das nicht an einem Tag, an dem du ohnehin am Boden bist.

Übrigens: Milo lebt heute bei einer Familie mit Garten, zwei Kindern und einer älteren Hündin, die ihn zurechtweist, wenn er zu wild wird. Ich bekomme zweimal im Jahr ein Foto. Beim ersten habe ich geweint. Beim zweiten war ich einfach nur erleichtert, für ihn und für mich.

Stefan Koch

Stefan Koch

Stefan Koch ist seit fünfzehn Jahren als Journalist tätig. In seinen Texten behandelt er die Themen Kapitalanlage und Immobilienmärkte sowie die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Mode- und Bekleidungsindustrie. Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit sind Unternehmensentwicklung und betriebswirtschaftliche Analysen.

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